Cannabis & Psychosen
Von Steffi Oneiro (02.12.2025)
Als ich heute die Cannabis-Normal-Konferenz gesehen und den Vortrag von Dr. Fabian Steinmetz
gehört habe, hatte ich den Impuls, etwas dazu zu sagen. Herr Steinmetz erwähnte, dass der
Ausbruch einer Psychose durch Cannabiskonsum immer wieder als Argument gegen Cannabis
angeführt wird.
Dazu kann ich persönlich sehr viel sagen, weil ich selbst eine Psychose erlebt habe – und trotzdem
überhaupt kein Problem mit meinem Cannabiskonsum habe. Meine Psychose hatte mit Cannabis
nämlich überhaupt nichts zu tun.
Mein persönliches Beispiel soll jetzt aber nicht dafür herhalten, die schädlichen Wirkungen von
Cannabis zu leugnen oder zu bestreiten, dass Cannabis eine Psychose auslösen kann.
Mir geht es vielmehr um eine tiefere Differenzierung, die in der allgemeinen Debatte – auch bei
vielen Aktivistinnen und Politikerinnen – aus meiner Sicht noch nicht ausreichend gesehen wird.
Ich möchte deshalb aus meiner Perspektive sprechen: aus der Perspektive eines Menschen, der
einmal an einer Psychose erkrankt war, der aber gleichzeitig keine Probleme mit seinem
Cannabiskonsum hat.
Ich möchte diese Differenzierung erläutern, weil ich hoffe, dass dadurch besser verstanden wird,
was die eigentlichen Auslöser von Psychosen sind – inwiefern Cannabis ein Auslöser sein kann,
aber auch inwiefern die Ursachen von Psychosen oft ganz woanders liegen.
Ich stelle mir vor, dass besonders Cannabis-Aktivistinnen und Politikerinnen, die sich für eine
Legalisierung einsetzen, bessere Argumente hätten, wenn sie die Entstehung einer Psychose tiefer
verstehen würden.
Dann müsste nicht immer dieses Totschlagargument im Raum stehen:
„Cannabis löst Psychosen aus.“
Mir geht es also um eine tiefere Differenzierung, nicht um eine Leugnung bestehender Gefahren.
Entwicklungstrauma – meine Hintergrundgeschichte
Ich habe als Kind ein schweres Entwicklungstrauma erlebt. Ich bin in einer Familie aufgewachsen,
in der Gewalt, psychischer Missbrauch und Sucht eine große Rolle gespielt haben. Vor allem von
meiner Mutter habe ich Gewalt – insbesondere psychische Gewalt – erfahren. Mein Vater war
Alkoholiker und durch seinen Alkoholkonsum als Vater im Grunde nicht präsent.
Ich bin also in einem dysfunktionalen Familienumfeld aufgewachsen,
in dem ich mich nicht gesund entwickeln konnte.
Man unterscheidet grob zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma. Ich erkläre das kurz,
damit die Begriffe klar sind:
- Ein Schocktrauma kann zum Beispiel nach einem schweren Unfall entstehen. Man kann
sich das wie einen Teppich vorstellen, in dem ein Faden kaputt ist. In einer Therapie kann
man diesen kaputten Faden herausziehen und einen neuen einweben. Danach kann der
Mensch sein Leben meistens relativ gut fortführen. - Ein Entwicklungstrauma dagegen bedeutet, dass der gesamte Teppich beschädigt ist. Ein
Entwicklungstrauma entsteht, wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie
tagtäglich traumatisiert werden – durch Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung.
Ich habe ein solches Entwicklungstrauma – aber mir war das lange nicht bewusst. Früher habe ich
immer nur gesagt: „Ich habe schwierige Eltern.“ Anders konnte ich es nicht ausdrücken. Die
Massivität meiner eigenen Traumatisierung war mir viele Jahre unbewusst. Ich habe das verdrängt,
weil ich nur mithilfe dieser Verdrängung überleben konnte. Ich habe funktioniert, um in diesem
System weiterzumachen.
Dazu gehört auch, dass einem die eigenen Traumata unbewusst bleiben. Außerdem fehlte damals
jede Aufklärung über das Phänomen „Entwicklungstrauma“. Mit dem Thema bin ich erst Anfang 30
in Kontakt gekommen.
Um mein Trauma zu kompensieren, habe ich als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet. Ich habe
versucht, die sehr negativen Beziehungserfahrungen meiner Kindheit auszugleichen, indem ich
anderen Kindern alles geben wollte, was mir selbst immer gefehlt hat. Ich habe versucht, „die Welt
ein bisschen zu retten“, indem ich bei den Kindern angefangen habe – ihnen Gewaltfreiheit
beizubringen und ein gutes Umfeld zu schaffen.
Das hat auch eine ganze Weile funktioniert, bis ich an meinem Arbeitsplatz mit der harten Realität
konfrontiert wurde, dass auch dort im Kindergarten Kinder immer wieder traumatisiert werden.
Zum einen, weil in unserem Bildungssystem eine Betreuungsperson oft viel zu viele Kinder
betreuen muss und Kinder dadurch emotional vernachlässigt werden – durch schlechte
Arbeitsbedingungen, Personalmangel, zu große Gruppen, zu junge Kinder in zu großen Kitas mit zu
wenig Personal.
Der Auslöser: massive Kindeswohlgefährdung und systemisches Wegschauen
Als ich 32 Jahre alt war, gab es in der Kita einen sehr massiven Fall von Kindeswohlgefährdung.
Das Problem lag nicht bei den Eltern, sondern bei einer Kollegin. Sie hat ein Kind im Grunde
lebensgefährlich bedroht.
Da sind bei mir – und auch im Kollegium – alle Alarmglocken angegangen. Wir haben versucht,
etwas zu unternehmen. Problematisch war, dass es sich bei dieser Kollegin um unsere Chefin
handelte. Das macht es natürlich noch schwieriger, sich gegen diese Autorität zu erheben und für
sich – und in dem Fall für das Kind – einzustehen.
Wir haben damals alle nötigen Schritte versucht:
Wir haben Vorgesetzte informiert, den Betriebsrat eingeschaltet, und wir haben bei der
Stadtverwaltung, bei der wir angestellt waren, Hilfe gesucht.
Bis dahin konnte ich mit der Situation irgendwie umgehen. Aber dann passierte etwas, womit ich
nicht mehr umgehen konnte. Aus heutiger Sicht würde ich es eine Täter-Opfer-Umkehr nennen
oder systemisches Wegschauen.
Die zuständigen Instanzen, an die wir uns um Hilfe gewandt hatten – Jugendamt, Vorgesetzte in der
Stadtverwaltung, Betriebsrat, Gewerkschaft – haben weggeschaut. In einem Fall von wirklich
gravierender Kindesgefährdung. Es ging darum, dass die Kollegin versucht hatte, ein Kind
tatsächlich lebensgefährlich zu verletzen. Das ist zum Glück schiefgegangen, dem Kind ist nichts
passiert. Aber alle Beteiligten haben erkannt, dass diese Person das bewusst in Kauf genommen hat
und dass wir eine extrem kritische Situation haben.
Alle Instanzen, die Verantwortung gehabt hätten – zu schützen, zu unterstützen, für Gerechtigkeit zu
sorgen – haben weggeschaut. Sie haben uns nicht ernst genommen.
Viele Kolleg*innen, die bis dahin an meiner Seite waren und sich für den Schutz des Kindes
eingesetzt hatten, sind innerlich kollabiert. Sie haben ihre „Scheuklappen“ aufgesetzt und das
Thema ignoriert um weiter zu leben. Ich konnte das nicht. Ich konnte das einfach nicht, denn mich
hat es an der Stelle im Inneren zerrissen.
Ich bin an diesem Punkt in eine tiefe Depression gefallen. Ich habe mich aufgerieben bis zum
Burnout, bin körperlich krank geworden, habe körperliche Symptome entwickelt – und in dieser
Phase ist mein bis dahin unbewusstes Entwicklungstrauma an die Oberfläche gekommen.
Mir wurde zunehmend bewusst, dass ich selbst in meiner Kindheit Gewalt, Missbrauch und
manipulative Strukturen erlebt hatte, die denen am Arbeitsplatz sehr ähnlich waren. Es wiederholte
sich im Grunde dieselbe Dynamik.
Ich geriet in eine immer ernstere psychische Abwärtsspirale. Gleichzeitig war ich damals nicht in
der Lage, den Arbeitsplatz zu verlassen, weil ich „meine“ Kinder nicht im Stich lassen konnte. Ich
war weder innerlich stabil noch erwachsen und wehrhaft genug, wirklich etwas zu verändern.
So bin ich innerlich kollabiert. Ich habe versucht auszuhalten, obwohl ich das eigentlich nicht mehr
konnte. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Wenn man die Situation nicht ändern kann, wäre es
konsequent gewesen zu gehen und sich eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Aber damals war ich
dazu nicht in der Lage. Ich war weder wehrhaft noch handlungsfähig.
Ich war sehr ohnmächtig. Zur Ohnmacht erzogen.
Ich wurde innerlich überflutet von meinem Entwicklungstrauma, von meinen eigenen
Gewalterfahrungen, die nie anerkannt worden waren. Ich erlebte eine Wiederholung – diesmal in
der Arbeitswelt.
Psychose durch Überforderung, nicht durch Cannabis
In diesen Jahren begann ich, mich für Spiritualität zu interessieren. Ich habe viel meditiert und
andere spirituelle Wege ausprobiert (auf die ich hier nicht im Detail eingehe). Meditation ist
eigentlich eine Technik, mit der man Ruhe und inneren Halt finden kann.
Bei mir wurde Meditation jedoch unbewusst zu einer Fluchtmöglichkeit in „andere Welten“. Das
war mein Versuch, einer Situation zu entkommen, die für mich unaushaltbar war. Auf diese Weise
habe ich dann eine Psychose ausgelöst, die mich in sehr ausufernde Bewusstseinszustände geführt
hat. Ich war etwa vier Monate lang in einem psychotischen Zustand.
Ich habe mich gegen eine medikamentöse Behandlung entschieden, weil sich das in meinem
Inneren als völlig falsch angefühlt hat. Meine Intuition und mein inneres Wissen haben mir gesagt,
dass da etwas aus mir herausbricht, was viele Jahre unterdrückt gewesen war. Ich hatte das Gefühl:
„Das, was jetzt rauskommt, möchte ich nicht mit Medikamenten wieder wegdrücken.“
Ich hatte damals einen ziemlichen Kampf mit Psychiatrie und Ärzt*innen, weil viele von ihnen nur
den Weg kannten, Psychosen mit Medikamenten symptomatisch zu unterdrücken. Dass man eine so
ausufernde Psychose auch durch Psychotherapie integrieren kann, ist vielen bis heute nicht vertraut.
Ein Psychiater ist in erster Linie Arzt, kein Psychologe. Ein Arzt lernt: Krankheiten werden mit
Medikamenten behandelt. Entsprechend werden Menschen mit Psychosen oft mit Neuroleptika
ruhiggestellt. Symptome werden zwar gelindert, aber viele Betroffene bezahlen dafür mit massiven
Einschränkungen im Alltag.
All das habe ich intuitiv abgelehnt. Ich hatte in meiner Psychose zwar extreme Angst- und
Verwirrungszustände, meine Realitätswahrnehmung war stark aufgelöst. Aber ich wusste
gleichzeitig intuitiv, dass das eigentliche Problem die Emotionen waren, die aus meinem
Unbewussten hochkamen – Emotionen, mit denen ich nicht umgehen konnte. Das habe ich immer
wieder kommuniziert.
Nach langem Kampf ist es mir gelungen, eine Psychiaterin zu finden, die bereit war, mich ohne
Medikamente zu betreuen. Ich begann eine ambulante tiefenpsychologisch fundierte und
analytische Psychotherapie. Meine Therapeutin hatte zusätzlich eine traumatherapeutische
Ausbildung. Genau diese therapeutische Kombination war für mich richtig.
Ich ging also mit der Diagnose Psychose in die Therapie.
Nach etwa vier Jahren Therapie – in denen ich stabiler wurde – stellte sich immer klarer heraus,
dass die Psychose nur ein Symptom an der Oberfläche war. Die eigentliche Erkrankung war ein
Entwicklungstrauma mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung.
In der Therapie haben wir deshalb das Trauma behandelt, nicht die Psychose als solches. Das war
nur möglich, weil der akute psychotische Zustand etwa vier Monate gedauert hatte und ich danach
eher in eine tiefe Depression gefallen bin – was bei Menschen nach einer Psychose häufig
vorkommt.
In dieser Zeit habe ich gelernt, meine innere Wahrnehmung bewusst zu lenken und diese
„Fluchttür“ in andere Welten, die ich mir durch Meditation geöffnet hatte, wieder bewusst zu
schließen. Ich habe erkannt, dass es da eine innere Tür in ein größeres, freieres Bewusstseinsfeld
gibt – und dass ich sie öffnen und schließen kann. Diese Fähigkeit hat mich geschützt, damit die
psychotischen Symptome nicht dauerhaft mein Leben bestimmen.
Wenn man allerdings eine Psychose erlebt und diese Fluchtmöglichkeit schließt, weil man erkennt,
dass Flucht nicht die Lösung sein kann, fallen viele Menschen in eine Depression.
Die Situation im Hier und Jetzt ist für jemanden, der eine Psychose hat, oft unaushaltbar – genau
deshalb flüchten viele überhaupt erst in andere Realitäten. So war es bei mir auch. Ich bin mehrere
Jahre durch tiefe Depressionen gegangen.
Parallel dazu habe ich mein Leben umstrukturiert:
Ich habe meinen Beruf aufgegeben, bekomme heute eine Erwerbsminderungsrente aufgrund meines
Entwicklungstraumas und meiner PTBS und habe den belastenden Arbeitsplatz schließlich
verlassen. Das war ein Prozess über Jahre, kein schneller Schritt.
Außerdem habe ich den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen. Jeder Kontakt hat mich erneut mit
der alten psychischen Gewalt konfrontiert. Erst als ich mich von meinen Eltern klar abgegrenzt
hatte, hat sich mein Gesundheitszustand wirklich stabilisiert.
Zusammengefasst:
Ich habe fast zehn Jahre tiefgreifende Psychotherapie gemacht und mein Leben grundlegend
verändert – und konnte dadurch meine Psychose vollständig heilen.
Und zwar ohne Medikamente.
Als der Mensch, der ich heute bin und all diese Erfahrungen gemacht habe, kann ich sehr genau
beschreiben, wie meine Psychose entstanden ist, wie sie sich innerpsychisch entwickelt hat und wie
sie wieder heilen konnte.
Dieses Wissen haben viele Menschen schlicht nicht, weil sie glauben, Psychosen könnte man nur
mit Medikamenten „ruhigstellen“. Genauso glauben viele, Psychosen würden durch Cannabis oder
Psychedelika verursacht.
Auslöser vs. Ursache: Was wirklich hinter vielen Psychosen steckt
Es gibt viele mögliche Auslöser für psychotische Krisen. Der bekannte Bewusstseinsforscher
Stanislav Grof beschreibt zum Beispiel, dass bei seiner Frau eine psychotische Krise durch eine
Schwangerschaft ausgelöst wurde.
Man kann grob sagen:
Psychosen werden häufig durch Situationen ausgelöst, in denen ein Mensch massiv überfordert ist.
Erstmal ganz unabhängig davon, wodurch diese Überforderung konkret entsteht.
Natürlich können Psychedelika und Cannabis Psychosen auslösen – wenn vorher schon eine starke
innere Problematik vorhanden ist. Genau das ist ja das, was oft gesagt wird: Es besteht eine latente
Verwundbarkeit, und die Substanz ist dann der Auslöser.
So war es auch bei mir: Die Vorbelastung lag in meinem schweren Entwicklungstrauma, den
massiven Problemen und Überforderungssituationen, mit denen ich nicht mehr zurechtkam.
Der unmittelbare Auslöser war bei mir die Meditation – aber Meditation ist deswegen nicht „die
Ursache“ meiner Erkrankung. Sie hat etwas geöffnet, was ohnehin da war.
Genauso kann Cannabis ein Auslöser sein – aber die Ursache liegt häufig in gravierenden
Überforderungserfahrungen, in tiefer Ohnmacht, in Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in
der Kindheit, die nie aufgearbeitet wurden.
Wenn wir so tun, als wäre Cannabis die Ursache von Psychosen, werden wir der Realität dieser
Menschen überhaupt nicht gerecht. Das ärgert mich als schwer traumatisierten Menschen sehr.
Denn es bedeutet, dass meine Trauma-Erkrankung in dieser Darstellung gar nicht vorkommt und
nicht ernst genommen wird. Das „Feindbild“ ist dann Cannabis.
Indem wir Cannabis zum Feindbild machen (oder andere Psychedelika), kümmern wir uns nicht um
die wahren Ursachen von Psychosen. Und die liegen – in sehr vielen Fällen – in traumatischen
Kindheitserfahrungen.
Meine Cannabiserfahrungen vor und nach der Psychose
Ich bezeichne mich, auch wenn ich keine akademische Wissenschaftlerin bin, als eine Art
„Bewusstseinsforscherin“. Bewusstseinsforschung zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
Mit etwa 16 Jahren habe ich das erste Mal Cannabis konsumiert. Ich bin heute 45. Bis Anfang 20
habe ich sehr unregelmäßig konsumiert – ab und zu, mit positiven und negativen Erfahrungen,
inklusive oraler Überdosierungen. Ich hatte also einen groben Überblick darüber, was Cannabis
kann und wo Gefahren liegen.
Mit Mitte 20 habe ich aufgehört zu konsumieren, weil ich mit dem Tabak Rauchen aufgehört habe.
Danach hatte ich jahrelang keinerlei Kontakt mehr zu Cannabis oder Psychedelika. Stattdessen habe
ich mich mit Bewusstsein, Psychologie und Spiritualität beschäftigt und auf diese Weise
angefangen, mich meinen unbewussten Themen zu nähern.
Etwa zwei Jahre nach dem Ausbruch meiner Psychose kam ich das erste Mal wieder mit Cannabis
in Kontakt. Die „Öffnung“, also dieses Verlieren in andere Realitäten, hatte sich nach vier bis sechs
Monaten wieder geschlossen. Ich hatte wieder eine innere Grenze.
Man könnte sagen: Eine Psychose ist ein innerer Entgrenzungszustand. Ähnliches versuchen wir
manchmal bewusst mit Cannabis oder Psychedelika herbeizuführen.
Um solche Entgrenzungszustände sinnvoll und sicher nutzen zu können, braucht es aber viel innere
Stabilität. Die hatte ich damals noch nicht – trotz all meiner Meditation.
Deshalb konnte ich die Öffnung nicht halten.
Durch meine Psychotherapie habe ich nach und nach diese innere Stabilität „nachinstalliert“. Zwei
Jahre nach Ausbruch der Psychose fühlte ich mich stabil genug, mein Bewusstsein weiter zu
erforschen – auch mithilfe von Cannabis.
Ich hatte dann ein sehr schönes Referenzerlebnis mit Cannabis, in dem ich einen besonderen
spirituellen Zustand erlebt habe – wie eine Art Initiation. Es war eine seltsame, aber stimmige
Situation: Das Cannabis wurde mir geschenkt, obwohl ich gar keinen Kontakt zu konsumierenden
Menschen hatte. Es waren so viele Zufälle, dass es sich „richtig“ anfühlte.
Später – ich glaube etwa um 2018 – sah ich ein Video des Cannabis Aktivisten Michael Knodt über
die neuen CBD-Shops und CBD-Blüten. Das machte mich neugierig. Nachdem mein erstes Erlebnis
nach der Psychose so positiv verlaufen war, begann ich, mich für CBD-Blüten zu interessieren und
sie zu konsumieren. Ich stellte fest, dass sie mir sehr gut bei Symptomen meiner PTBS helfen:
Schlafprobleme, innere Unruhe, Symptome, die in Richtung ADHS gehen, Migräne.
Über CBD habe ich mich dann ganz langsam wieder an Cannabis herangetastet. Seit der Cannabis-
Tei-Legalisierung habe ich selbst angebaut. Im ersten Jahr vor allem Sorten mit wenig THC und
mehr CBD. Ich hatte mehrere Sorten mit unterschiedlichen Wirkstoffprofilen – etwa 1% 5 %, 10 %,
15 % THC, teilweise mit hohem CBD-Anteil – und habe mich sehr behutsam wieder angenähert.
Cannabis ist heute ein Teil meiner Bewusstseinsarbeit und Meditationspraxis. Gleichzeitig nutze ich
es punktuell medizinisch, zum Beispiel bei Migräneattacken oder Schlafstörungen. Ich konsumiere
nicht täglich, sondern gelegentlich. Mittlerweile habe ich mich auch an höherprozentige Sorten mit
bis zu 20 % THC herangetastet.
Das mache ich jetzt seit etwa zwei Jahren – ohne dass sich irgendetwas in Richtung einer erneuten
Psychose gezeigt hätte.
Der einzige kleine Rückfall, den ich erlebt habe, war in einer Situation, in der meine Eltern versucht
haben, mich erneut mit ihrem missbräuchlichen Verhalten zu kontrollieren und ich mich nicht
abgrenzen konnte. Da gab es einen kurzen psychotischen Moment – und ich konnte sehr genau
erkennen, dass Überforderung, Ohnmacht und fehlende Grenzen hier der Schlüssel waren,
nicht Cannabis.
Meine Beobachtung ist:
Überforderungssituationen, Ohnmacht und fehlende gesunde Grenzen lösen in meinem Leben
psychotische Symptome aus – nicht die Substanzen selbst.
Menschen mit Entwicklungstrauma, Gewalt-, Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen in
der Kindheit haben oft strukturell „Lücken“ in ihrer inneren Stabilität.
Sie sind dadurch stärker gefährdet.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir beim Thema Cannabis und Psychosen viel stärker
differenzieren. Ich will die Risiken nicht kleinreden.
Mir geht es nicht darum zu behaupten, Cannabis sei harmlos.
Ich wünsche mir vielmehr, dass die Forschung sich viel differenzierter mit Trauma,
Kindheitstrauma und chronischen Überforderungssituationen auseinandersetzt.
Feindbild Cannabis – und was dabei unsichtbar bleibt
Wenn wir die Ursachen von Psychosen nicht bis zu ihren Wurzeln verfolgen – nämlich zu Traumata
und gravierenden Überforderungserfahrungen im Leben – und stattdessen so tun, als wäre Cannabis
der eigentliche „Verursacher“, dann ist das ein Fehlschluss.
Mich als schwer traumatisierten Menschen macht es traurig und wütend, wenn Politiker*innen
Cannabis als Ursache von Psychosen darstellen. Denn damit wird mein eigentlicher Leidensweg –
das Entwicklungstrauma, die Gewalt, der Missbrauch – unsichtbar gemacht.
Das Feindbild ist dann die Substanz, nicht die strukturelle Gewalt, nicht das Versagen von Familie,
Systemen und Institutionen.
Unsere Gesellschaft sucht sich gern Feindbilder an der Oberfläche, um nicht zur eigentlichen
Ursache vordringen zu müssen. Es ist sehr viel unbequemer, in die eigene Kindheit zu schauen und
sich einzugestehen, dass man von den eigenen Eltern missbraucht, misshandelt, vernachlässigt oder
psychisch zerstört wurde, als einfach zu sagen: „Cannabis ist schuld.“
Dieses Feindbild Cannabis hilft traumatisierten Menschen überhaupt nicht. Es hilft auch nicht
dabei, unsere Gesellschaft für Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zu sensibilisieren.
Substanzen, Setting und innere Reife
Nach meiner Psychose habe ich auch andere Psychedelika in kleinen Dosen erforscht – etwa legale
LSD-Derivate. Meine Erfahrung ist: Wenn ich auf Dosis, Set & Setting und meine innere Stabilität
achte, habe ich keinerlei Probleme mit solchen Substanzen – trotz Vorgeschichte.
Gerade wegen meiner Vorgeschichte achte ich sehr bewusst darauf, dass der Konsum nicht zur
Flucht wird, sondern eine bewusst gewählte Konfrontation im Sinne von Selbsterkenntnis. Ich
glaube, dass Menschen dafür eine gewisse innere Stabilität und psychische Reife brauchen und dass
wir sehr gute konsumakzeptierende Aufklärungsarbeit brauchen.
Sehr spannend fand ich ein Buch von Wolf-Dieter Storl („Bom Shiva“), in dem er beschreibt, wie
Cannabis in Indien kulturell eingebettet ist. Dort gibt es – grob gesagt – drei Kontexte,
in denen Cannabis gesellschaftlich akzeptiert ist:
- Rituelle Einnahme bei einem Fest
Einmal im Jahr gibt es ein Fest, bei dem Cannabis in Form eines Kakaos konsumiert wird.
Die Einnahme ist rituell und an einen besonderen Kontext gebunden – nicht alltäglich.
Das ist ein Schutz vor Missbrauch. - Sadhus – heilige Männer
Die Sadhus haben dem weltlichen Leben entsagt, haben keinen Besitz, keine klassischen
Bindungen. Sie konsumieren oft Drogen und psychedelische Substanzen, einschließlich
Cannabis. Für sie gehört Cannabis zur spirituellen Praxis der Ich-Auflösung. Sie haben
nichts mehr zu verlieren und führen kein „funktionales“ Alltagsleben, das eine stabile Ich-
Struktur bräuchte. - Ältere Menschen nach erfülltem Leben
Menschen, die gearbeitet haben, Kinder großgezogen haben und im Rentenalter sind,
konsumieren teils Cannabis, um ihren spirituellen Weg zu vertiefen – nach dem Motto:
Erst leben, dann loslassen.
Ich finde dieses Modell interessant, weil wir parallel dazu immer wieder hören, dass das Gehirn von
unter 25-Jährigen durch Cannabiskonsum geschädigt werden kann und dass junge Menschen erst
eine stabile Ich-Struktur aufbauen müssen. Ein junger Mensch muss lernen, Verantwortung zu
übernehmen, eine Arbeit zu halten, Beziehungen zu führen, eventuell Kinder großzuziehen.
All das kann beeinträchtigt werden, wenn jemand permanent konsumiert und sich ständig in ego-
auflösende Zustände begibt. Es gibt Menschen, die trotz Konsum keine Probleme haben, weil sie
eine sehr stabile Ich-Struktur besitzen – oft sogar zu stabil, zu streng. Für solche Menschen kann
Cannabis ein Gegengewicht sein, das Spannungen löst und Entspannung ermöglicht.
Für andere – insbesondere Menschen ohne stabile innere Struktur, mit hohem Traumahintergrund –
kann Cannabis dagegen gefährlich sein.
Ich wünsche mir, dass wir in unserer Kultur genau so differenziert diskutieren:
Nicht in „Cannabis ist gefährlich!“ vs. „Cannabis ist harmlos!“, sondern in Bezug auf Reife,
Stabilität, Trauma, Dosis, Setting und Motivation.
Schlechte Studien, falsche Schlüsse
Ein weiterer Punkt: In vielen Studien, die einen Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen
herstellen, wird – soweit ich es kenne – nicht sauber unterschieden zwischen:
- reinem Cannabis
- verunreinigtem Cannabis (z.B. mit künstlichen Cannabinoiden)
- Mischkonsum mit anderen Substanzen.
Häufig werden Psychosen durch Mischkonsum ausgelöst. Wenn dann in der Klinik gefragt wird:
„Was haben Sie genommen?“, ist es für viele vielleicht einfacher zu sagen: „Ich habe Cannabis
konsumiert“, als offen zuzugeben: „Ich habe Cannabis, LSD, Alkohol und anderes durcheinander
genommen.“
Solange Studien diese Faktoren nicht sauber trennen, sind sie wissenschaftlich nur bedingt
aussagekräftig. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Studien oft auch von bestimmten
Interessengruppen mitfinanziert oder beeinflusst werden – bewusst oder unbewusst.
Wer definiert, was eine Psychose ist – und wer sollte es nicht tun?
Ein Satz, der mir wichtig ist:
- Wissenschaftler, Ärztinnen, Psychiaterinnen und Psycholog*innen,
die Cannabis als Ursache von Psychosen definieren,
sind oft dieselben, die Psychosen ausschließlich mit Medikamenten unterdrücken.
Das sind Menschen, die die Ursache von Psychosen nur auf einer materiellen, oberflächlichen
Ebene betrachten. Sie dringen nicht bis zu den sozialen und biografischen Hintergründen vor.
Ein Psychiater, der nicht erkannt hat, dass der Auslöser einer Psychose in gravierenden
Überforderungssituationen, tiefer Ohnmacht und mit hoher Wahrscheinlichkeit in Traumata aus
Kindheit, Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung liegt, ist in meinen Augen kein guter
Psychiater. Er ist mit seiner Erforschung der Erkrankung noch nicht in die Tiefe gekommen. Er
bleibt am Symptom hängen und baut sich Feindbilder wie „Cannabis“.
Solchen Menschen sollten wir nicht die alleinige Deutungshoheit darüber geben,
was eine Psychose ist und was nicht.
Mein Appell an Aktivist*innen, Verbände und Politik
Ich wünsche mir, dass insbesondere Cannabis-Aktivistinnen, der Deutsche Hanfverband, aber auch
Politikerinnen, die Cannabis legal halten wollen, sich nicht einschüchtern lassen von der „Cannabis-
Psychose-Keule“.
Wenn medizinische Sprecherinnen, Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen oder Politikerinnen mit diesem
Argument kommen, dann bitte:
- Lasst es nicht einfach so stehen.
- Vertieft euer eigenes Wissen über die Ursachen von Psychosen – traumapsychologisch und
sozialpsychologisch. - Bleibt nicht selbst an der Oberfläche stehen, als wäre eine Substanz der einzige Auslöser
eines völligen Zusammenbruchs. - Fragt danach, was im Leben dieser Menschen vorher passiert ist.
Wir sollten uns nicht von unwissenschaftlichen oder einseitigen Aussagen in eine Ecke drängen
lassen. Wir können widersprechen. Wir können nach Differenzierung verlangen. Wir können
Studien kritischer lesen und bessere Argumente vorbereiten.
Wissen ist am Ende Macht. Und ich glaube, dass sich Wissen, Vernunft und saubere Wissenschaft
langfristig durchsetzen werden – auch wenn es manchmal so scheint, als würden Populismus und
Lautstärke gewinnen.
Für traumatisierte Menschen – und für ein ehrliches Bild von Cannabis
Mich macht der Mythos „Cannabis löst Psychosen aus“ als traumatisierten Menschen sehr traurig.
Wir sprechen viel zu selten darüber, dass Kinder Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung erleben
– und dass genau diese Erfahrungen später zu schweren psychischen Erkrankungen führen können.
Stattdessen „reiten“ wir permanent auf Cannabis herum. Das hilft weder diesen Kindern noch uns
als Gesellschaft. Und es hilft auch nicht, Cannabis realistisch einzuschätzen.
Ich wünsche mir:
- dass Cannabis weiter legal bleibt
- dass differenziert über Risiken gesprochen wird
- dass traumatisierte Menschen angemessene Hilfe bekommen – nicht nur Neuroleptika,
sondern Traumatherapie, soziale Unterstützung, Anerkennung ihres Leidens.
Als jemand, der eine Psychose in ihrer Entstehung und Heilung erlebt hat – und zwar ohne
Medikamente, durch tiefes Verstehen und langjährige Therapie – möchte ich meine Sichtweise
teilen.
Ich sehe darin eine Chance, dass vielleicht im Deutschen Hanfverband oder in anderen
Organisationen jemand sich genau auf dieses Thema spezialisiert:
die Ursachen von Psychosen aus traumapsychologischer Sicht, die Rolle von Überforderung,
Ohnmacht, Kindheitstrauma – und die Rolle von Cannabis eher als möglicher Auslöser, nicht als
„Ursache“.
So könnten viele halbgare oder populistische Argumente fachlich sauber widerlegt werden. Und wir
könnten standhaft bleiben in unserem Bemühen, mit größtmöglicher Klarheit und Wahrhaftigkeit
auf dieses Thema zu schauen:
ehrlich zu uns selbst, offen für Risiken, aber ebenso wach für Unwahrheiten.
Am Ende – so glaube ich – muss die Vernunft gegen den Populismus gewinnen.
Bitte teilt meinen Text mit anderen Aktivist*innen.
Ihr findet ihn auch auf meiner Website.
Verfasserin: Steffi Oneiro
E-Mail: s.neika667@googlemail.com